Gefährdet Der Spiegel
die Gesundheit von Millionen Menschen?

„Der Spiegel“, Ausgabe 3/2012

In der  Ausgabe Nr. 3, vom 16. Januar 2012 veröffentlichte „Der Spiegel“ einen Aufmacher unter dem reißerischen Titel „Die Vitamin-Lüge“. Unseres Erachtens steht dieses „journalistische Husarenstück“ im Zusammenhang mit dem jetzt erfolgten Durchbruch der Vitaminforschung im Kampf gegen Krebs: Mit journalistischen Mitteln soll dieser Durchbruch offenbar noch einmal hinausgezögert werden.

In dem Artikel werden exemplarisch einige Vitamine herausgegriffen um den angeblichen Nachweis zu führen, dass diese gefährlich seien – ja sogar zu vorzeitigem Tod führen würden.

Das damit hundert Jahre Forschungsergebnisse in den Bereichen Biologie, Biochemie, Zell-Physiologie, Medizin und anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen, neun Nobelpreise und das Wissen ganzer Bibliotheken von naturwissenschaftlichen Grundlagen-Lehrbüchern in Frage gestellt werden, interessiert den Spiegel offenbar nicht.

Einige Beispiele verdeutlichen dies eindrucksvoll:

Betakarotin

Der Spiegel behauptet:

„[…] in den vergangenen Jahren kamen immer mehr Studien zu dem Ergebnis, dass Vitamine nicht nur unnötig sind, sondern sogar schaden können.“

Als „bisher schwersten Schlag“ der Vitaminforschung wird eine Studie an Rauchern aus dem Jahr 1994 zitiert, bei der unter der Einnahme eines einzelnen Vitamins, Betakarotin, eine erhöhte Lungenkrebsrate festgestellt wurde.

Offenbar um das Ergebnis dieser Studie gegenüber seiner Leserschaft noch zu emotionalisieren, zitiert das Blatt eine „Gesundheitswissenschaftlerin“ aus Hamburg mit dem Satz „Das Ergebnis war ein Schock“.

Die Fakten sind:

Im Jahr 2003 erschien die Langzeitauswertung dieser vom Spiegel als „Hauptbeweis“ für die angebliche Schädlichkeit von Vitaminen angeführte Studie. Die Wissenschaftler hatten die Patienten der Studie weitere sechs Jahre nach deren Beendigung beobachtet. Dabei stellten sie fest, dass keinerlei schädliche Wirkungen des Betakarotins mehr festzustellen waren. In ihrem offiziellen Bericht stellten sie fest: „Das erhöhte Risiko für die Anwender von Betakarotin war 4 bis 6 Jahre nach Studienende nicht mehr vorhanden.“ Dieser Bericht über die Langzeitbeobachtung wurde im „JAMA (Journal of the American Medical Association)“ veröffentlicht.

Vitamin D

Der Spiegel behauptet:

„In einer Studie bei 2256 Frauen über 70 Jahren, die in der Medizinzeitschrift „JAMA“ veröffentlicht wurde, erlitten die Teilnehmerinnen, die hochdosiertes Vitamin D bekommen hatten, häufiger Knochenbrüche nach einem Sturz als die Placebo-Gruppe.“

Die Fakten sind:

Der Spiegel verschweigt dabei, dass in dieser Studie die Patienten lediglich ein einziges Mal im Jahr (im Herbst) eine hochdosierte Injektion von Vitamin D intramuskulär erhielten. Diese Prozedur wurde überhaupt nur drei Mal durchgeführt.

Die Autoren der Studie erwähnen in ihrer Publikation fairer Weise die Tatsache, dass sich ihre Erkenntnisse nur auf diese hochspezielle Darreichungsform, nämlich einmal jährlich eine Vitamin D Depot-Injektion bezieht. Auch sprechen sie offen die Möglichkeit an, dass diese hohe Vitamin D-Konzentration im Muskel gar nicht abgebaut, und damit nicht vom Körper genutzt werden kann. Genau dies hatten bereits tierexperimentelle Studien gezeigt.

Den Spiegel interessiert dies alles offenbar nicht. In Bausch und Bogen spricht das Blatt dem lebenswichtigen Vitamin D jegliche Bedeutung zur Vorbeugung von Knochenbrüchen ab und suggeriert seinen Lesern sogar das Gegenteil.

Die wissenschaftlichen Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. In jedem Biochemie-Buch ist nachzulesen, dass Vitamin D3 und Kalzium essenziell sind für Aufbau und Erhalt unserer Knochensubstanz. In vielen Ländern der Welt gibt es Regierungsempfehlungen, dass z. B. mit Vitamin D angereicherte Milch in der Wachstumsphase von Kindern angeraten wird.

Auch die veröffentlichten klinischen Untersuchungen mit regelmäßiger Vitamin D und Kalzium Einnahme lassen keinen Zweifel an der Bedeutung dieser Nahrungsergänzung zum Schutz der Stabilität des Knochensystems und zur Vorbeugung von Brüchen, insbesondere bei älteren Menschen.

Einige dieser Studien seien hier nur kurz skizziert:

Zahllose weitere klinische und epidemiologische Studien kommen zu demselben Ergebnis: Vitamin D und Kalzium sind essentiell für Knochenwachstum und Knochenstabilität.

Beim Lesen des Spiegel-Artikels fällt ferner auf:

Der Artikel beruft sich kaum auf tatsächlich durchgeführte klinische oder epidemiologische (d.h. Bevölkerungs-) Studien zur Unterstützung der These, dass Vitamine nutzlos bzw. schädlich seien. Stattdessen verweist der Artikel immer wieder auf eine Online-Bibliothek, die sogenannte „Cochrane-Library“.

Die Fakten sind:

Es verwundert schon sehr, dass ein sonst auf große Seriosität bedachtes Nachrichtenmagazin glaubt, mit so unhaltbaren Thesen seine Leser beeindrucken zu können, angesichts der Tatsache, dass diese mit einem Mausklick Zugang zu einer Vielzahl an Studien haben, die exakt das Gegenteil beweisen.

Die „Experten“ des Spiegels

Einen ersten Hinweis darauf, welcher Zielgruppe dieser tendenziöse Spiegel-Artikel gewidmet sein könnte, ergibt sich aus der Auswahl der in diesem Artikel bemühten Experten. Stellvertretend sei hier einer näher beleuchtet: „Karl Lauterbach, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD im Bundestag, hält die Risiken [von Vitaminen] für die Bevölkerung mittlerweile für erheblich. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung müsse viel deutlicher als bisher vor den Vitaminpillen warnen, fordert er.“

Was Sie auch über Herrn Lauterbach wissen sollten:

Bild von Karl Lauterbach

Karl Lauterbach in der ZDF-Sendung „Frontal“ 1998

In dem Spiegel-Artikel gibt eben dieser „Wendehals“ offenbar dann die eigentliche Stoßrichtung dieses Artikels preis. Er fordert den derzeitigen Gesundheitsminister Daniel Bahr dreist auf, vor angeblich gefährlichen Vitamin-Präparaten zu warnen – mit dem Hinweis auf seinen Ministereid „Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden“!

Wir überlassen es dem Leser, sich seine eigene Meinung über die Glaubwürdigkeit derartiger Experten zu bilden.

Wenn die wissenschaftlichen Fakten und die Glaubwürdigkeit der zitierten Experten für eine stichhaltige Argumentation nicht ausreichen, ist man versucht, zu anderen Mitteln der „Überzeugung“ zu greifen.

Der Spiegel behauptet ferner:

„Unter SS-Chef Heinrich Himmler, der für jegliche Naturmedizin zu haben war, organisierten die Nazis im KZ Dachau ein eigenes Forschungsprojekt zu Vitamin C. […] Doch die Vitamingläubigkeit endete nicht mit dem Untergang der Nazi-Diktatur. In den siebziger Jahren verschaffte der Chemiker und zweifache Nobelpreisträger Linus Pauling dem Vitamin C neue Aufmerksamkeit. […]“

Mit diesem Abschnitt versucht das Blatt offenbar, Vitaminpioniere wie Linus Pauling in die Nähe von Verbrechern wie SS-Chef Heinrich Himmler zu rücken. Millionen Vitaminkonsumenten heute werden de facto mit den willfährigen Mitläufern der Nazi-Verbrecher gleichgesetzt.

Fakt ist jedoch:

Verdrehung als „Stilmittel“ des Spiegel?

Der Artikel „Die Vitamin-Lüge“ im Spiegelheft 3/2012 ist durchaus nicht das erste Mal, dass sich ein informierter Leser die Frage stellen könnte, wie hält es dieses Blatt mit der wissenschaftlichen bzw. historischen Wahrheit?

Ein journalistischer Höhepunkt der Laufbahn des Spiegelgründers Rudolf Augstein war dessen Artikel über den Reichstagsbrand 1933. Also jenes Ereignis, das von den Nazis und ihren Komplizen des Chemie-Kartells dazu missbraucht wurde, um Deutschland von einer Demokratie in eine Diktatur zu überführen. Der Augstein-Artikel vom 21. Oktober 1959 war Auftakt zu einer ganzen Artikelserie, die das Ziel hatte, die Nazis und ihre Hintermänner von jeglicher Schuld an dem Reichstagsbrand freizusprechen und sie einem Einzeltäter, dem Niederländer van der Lubbe in die Schuhe zu schieben.

Berater bei dieser Spiegel-Serie war Paul Karl Schmidt alias Paul Carell – kein anderer, als der langjährige Pressechef des Nazi-Außenministers Ribbentrop – mit der SS-Mitgliednummer 308263.

Weitere Einzelheiten hierzu finden Sie in den Dokumentationen des ehemaligen Spiegel-Journalisten Otto Köhler „Unheimliche Publizisten“ und „Rudolf Augstein – Ein Leben für Deutschland“.

Angesichts dieser Historie ist es verwunderlich, dass ausgerechnet der Spiegel es wagt, mit Nazi-Parallelen die Leserschaft emotionalisieren zu wollen, um offenbar den Mangel an wissenschaftlichen Fakten zu verdecken.

Ein journalistischer „Trick“ oder Absicht?

Angesichts all dieser Ungereimtheiten könnte der Leser auf die Idee kommen, der Artikel wäre im Interesse der Pharma-Lobby geschrieben, um das milliardenschwere Investmentgeschäft vor der unliebsamen Konkurrenz durch nicht patentierbare Naturheilpräparate zu schützen. Offenbar um diesen naheliegenden Eindruck entgegen zu wirken, bedient sich der Spiegel-Autor anscheinend einer journalistischen Kriegslist: Man nimmt den „treuesten Verbündeten“ zur Täuschung ins eigene Visier. So verwundert es nicht, dass die Einleitung des Artikels vorgibt, vor allem die Pharmaindustrie stecke hinter dem Vitamingeschäft: „Die Pharmaindustrie redet den Menschen ein, dass die regelmäßige Einnahme von Vitaminpillen ihr Leben gesünder macht.“

Die Fakten sprechen auch hier für sich:

Bild von Karl Lauterbach

Wie die nebenstehende Grafik zeigt, betrug der Vitamin-Umsatz im Jahr 2010 in Deutschland gerade einmal 2% des Pharma-Umsatzes (2009). Diese Relation ist deshalb besonders wichtig, weil die rasanten Fortschritte der Vitaminforschung das Pharma-Geschäft in ihrer Existenz bedrohen. Denn Vitamine sind nicht patentierbar und widersprechen deshalb fundamental dem Geschäftsmodell der Pharma-Industrie, das seinen Return On Investment (ROI) aus den exorbitanten Gewinnen für patentierte Pharma-Präparate bezieht.

Für wen wurde dieser bemerkenswerte Artikel geschrieben?

Dies ist eine durchaus interessante Frage. Der Spiegel schreibt selbst, dass bereits ein Drittel der Bevölkerung Vitaminpräparate verwendet. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die Intention des Spiegels mit diesem Titel gewesen ist, Millionen Menschen dies ausreden zu wollen.

Wie bereits im Zusammenhang mit der Auswahl der Experten ausgeführt, ist eine Zielrichtung des Artikels wohl darin zu sehen, mit pseudo-wissenschaftlichen Argumenten Druck auf die politischen Entscheidungsträger in Berlin und Brüssel auszuüben, den ganzen Bereich von Vitamin-Therapien als Konkurrenz für das Pharmageschäft per Gesetz auszuschalten.

Angesichts der Zielgruppe der Spiegel-Leserschaft, die gerade auch akademische Kreise umfasst, könnten weitere Zielgruppen dort zu suchen sein: Die Ärzteschaft, die es angesichts eines wachsenden Interesses der Bevölkerung für Naturheilverfahren bei der „Pharma-Stange“ zu halten gilt.

Auch Juristen bilden eine potenzielle Zielgruppe dieses Artikels. Sie werden in zunehmendem Maße in die Auseinandersetzung um den Wandel von einer pharmazentrierten Medizin hin zu einer Medizin, die wissenschaftlich begründete Naturheilverfahren umfasst, einbezogen.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass diese Titelgeschichte in der Online-Version des Spiegels nur in deutscher Sprache publiziert wurde. Dort werden die wichtigsten Artikel des Nachrichtenmagazins auch in englischer Sprache veröffentlicht. Die „deutsche Exklusivität“ dieses Artikels  deutet darauf hin, dass er vor allem für Entscheidungsträger hierzulande geschrieben wurde.

Es stellt sich damit die Frage: sind Vitamine für Menschen in England, den USA und anderen Teilen der Welt nicht gefährlich?